Notfallreserve

Notgroschen: Wie viel brauchst du wirklich?

Die pauschale 3-bis-6-Monate-Regel ist ein guter Startpunkt, aber nicht für jeden richtig. Dein persönlicher Bedarf hängt von deiner Lebenssituation ab.

Florian Baumann Florian Baumann | Lesezeit: ca. 8 Minuten
Das Wichtigste auf einen Blick
  • Die Faustregel „3 bis 6 Monatsgehälter“ stimmt für viele Menschen, aber nicht für alle. Dein Risikoprofil bestimmt deinen tatsächlichen Bedarf.
  • Wer Single ist, keine Kinder hat, ein stabiles Einkommen und ein familiäres Sicherheitsnetz besitzt, kommt oft mit einem bis zwei Monatsgehältern aus.
  • Selbstständige, Alleinverdiener mit Familie oder Menschen mit hohen Fixkosten sollten dagegen eher sechs bis acht Monate einplanen.
  • Ein großes ETF-Portfolio kann den nötigen Notgroschen reduzieren, ersetzt ihn aber nicht vollständig, weil Aktien kurzfristig stark fallen können.
  • Der Notgroschen gehört immer auf ein Tagesgeldkonto mit täglicher Verfügbarkeit, nicht in Festgeld, ETFs oder Kryptowährungen.
Grundlagen

Was ist ein Notgroschen?

Ein Notgroschen ist ein liquider Geldbetrag, den du ausschließlich für unvorhergesehene Ausgaben oder einen vorübergehenden Einkommensausfall reservierst. Er soll verhindern, dass du in einer finanziellen Engpasssituation Schulden aufnehmen oder Investments zu einem ungünstigen Zeitpunkt verkaufen musst.

Typische Auslöser für einen Griff in den Notgroschen sind: eine kaputte Heizung oder ein defektes Auto, ein kurzfristiger Jobverlust, eine plötzliche Krankheit oder unerwartete Reparaturen. Es geht nicht um Planung oder Rendite, sondern um finanzielle Handlungsfähigkeit in genau dem Moment, in dem du sie am dringendsten brauchst.

Wichtig: Der Notgroschen ist keine Investition. Er soll nicht wachsen, er soll verfügbar sein. Gib deshalb keine Renditeerwartungen als Auswahlkriterium an und verzichte auf alles, was eine Bindungsfrist hat oder kurzfristig an Wert verlieren kann.

Kritik an der Faustregel

Warum die 3-bis-6-Monate-Regel zu simpel ist

Die Empfehlung, drei bis sechs Nettomonatsgehälter als Notgroschen zu halten, stammt aus einer Zeit ohne Neobroker, ohne Tagesgeldkonten mit zwei Prozent Verzinsung und ohne den breiten Zugang zu Wertpapierdepots. Sie ist eine bequeme Pauschale, aber keine persönliche Finanzplanung.

Das Problem: Wer 5.000 Euro netto verdient, soll demnach bis zu 30.000 Euro auf einem Konto liegen lassen, das kaum Zinsen erwirtschaftet. Für viele Menschen bedeutet das, jahrelang auf den Aufbau eines ETF-Portfolios zu verzichten, obwohl ihr tatsächliches Risiko viel geringer ist. Gleichzeitig reichen für andere drei Monatsgehälter schlicht nicht aus.

Situation Klassische Regel Realistischer Bedarf
Single, unbefristet angestellt, Familie als Backup, ETF-Portfolio vorhanden 3 bis 6 Monate 1 bis 2 Monate
Paar mit Doppeleinkommen, Kinder, Eigenheim 3 bis 6 Monate 3 bis 4 Monate
Alleinverdiener, Kinder, hohe Fixkosten 3 bis 6 Monate 5 bis 7 Monate
Selbstständig, unregelmäßiges Einkommen 3 bis 6 Monate 6 bis 9 Monate

Die Faustregel ist kein Fehler, sie ist einfach ein Mittelwert. Für viele Menschen liegt der optimale Puffer weit darunter oder weit darüber. Entscheidend ist, die eigenen Risikofaktoren zu kennen und den Puffer gezielt anzupassen, statt blind einer Zahl zu folgen.

Einflussfaktoren

Diese Faktoren bestimmen deinen Bedarf

Wie groß dein Notgroschen sein sollte, hängt von mehreren Stellschrauben ab. Jeder dieser Faktoren erhöht oder senkt das Risiko, dass du plötzlich und ungeplant auf Geld angewiesen bist.

Faktoren, die den Bedarf erhöhen

  • Kinder oder pflegebedürftige AngehörigeUnerwartete Ausgaben passieren häufiger, und Einkommensausfälle durch Krankheit oder Pflege sind wahrscheinlicher.
  • Selbstständigkeit oder befristeter VertragEinkommensausfälle können länger dauern und treffen dich ohne die Absicherung durch Arbeitslosengeld 1.
  • Alleinverdiener-HaushaltFällt das einzige Einkommen weg, ist der Schaden unmittelbar und vollständig.
  • Hohe monatliche FixkostenWer mehr als die Hälfte seines Einkommens für Miete, Kredite und Versicherungen ausgibt, hat wenig Spielraum zum Kürzen.
  • Kein familiäres SicherheitsnetzWenn niemand in der Familie kurzfristig einspringen kann, muss der eigene Puffer diese Funktion übernehmen.
  • Gesundheitliche Risiken oder körperlich belastender BerufDas Risiko eines längeren Arbeitsausfalls ist messbar höher.

Faktoren, die den Bedarf senken

  • Stabiles PartnereinkommenFällt ein Gehalt weg, läuft der Haushalt weiter. Das reduziert den notwendigen Puffer erheblich.
  • Familie kann kurzfristig aushelfenWer weiß, dass Eltern oder Geschwister im Notfall 3.000 bis 5.000 Euro leihen können, braucht weniger eigene Reserve.
  • Großes ETF-Portfolio (mehr als 6 Monatsgehälter)Im absoluten Notfall liquidierbar, wenn auch mit möglichen Kursverlusten. Das reduziert den psychologischen Bedarf an Liquidität.
  • Sehr hohes EinkommenWer monatlich 6.000 Euro netto verdient, kommt mit zwei Monatsgehältern oft weiter als jemand mit 2.000 Euro und sechs Gehältern.
  • Beamtenstatus oder sehr krisenfester JobDas Risiko eines unerwarteten Einkommensausfalls ist strukturell niedriger.
  • Vorhandener KreditrahmenEin bestehender Dispo von zwei bis drei Monatsgehältern kann als kurzfristige Überbrückung dienen, auch wenn er kein Dauerzustand sein sollte.

Faustregel für die Auswertung: Addiere deine Risikofaktoren und ziehe die Schutzfaktoren ab. Mehr Risiken bedeuten mehr Puffer. Eine Personsituation mit ausschließlich senkenden Faktoren kann mit einem Monat auskommen. Eine mit ausschließlich erhöhenden Faktoren braucht acht Monate oder mehr.

Interaktiver Check

Dein persönlicher Notgroschen-Check

Beantworte die folgenden sechs Fragen zu deiner Lebenssituation. Das Tool berechnet daraus eine individuelle Empfehlung für die Höhe deines Notgroschens in Monatsnettogehältern.

1 Wie ist deine Haushaltssituation?
2 Wie ist deine Beschäftigungssituation?
3 Können Eltern oder Familie im Notfall kurzfristig aushelfen?
4 Hast du ein Wertpapierdepot oder ETF-Portfolio?
5 Wie hoch sind deine monatlichen Fixkosten im Verhältnis zum Nettoeinkommen?
6 Hast du einen Dispositionskredit oder anderen Kreditrahmen?
Dein empfohlener Notgroschen
3 Monate Nettogehalt

Das Tool liefert eine Orientierungshilfe auf Basis deiner Angaben. Es ersetzt keine individuelle Finanzberatung.

Parkplatz für die Reserve

Wo du deinen Notgroschen parkst

Für den Notgroschen gilt genau eine Anforderung: tägliche Verfügbarkeit ohne Kursschwankungsrisiko. Das schränkt die sinnvollen Optionen auf eine ein: das Tagesgeldkonto.

Tagesgeldkonto: Die einzige richtige Wahl

Tagesgeld ist täglich verfügbar, durch die gesetzliche Einlagensicherung bis 100.000 Euro pro Institut geschützt und wirft aktuell zwei bis drei Prozent Zinsen ab. Das reicht zwar nicht aus, um die Inflation vollständig auszugleichen, begrenzt aber den Kaufkraftverlust. Trenne das Tagesgeldkonto möglichst vom Girokonto, damit der Notgroschen nicht unbemerkt verschwindet.

Was nicht funktioniert

  • FestgeldGut verzinst, aber das Kapital ist für Monate oder Jahre gebunden. Im echten Notfall nicht verfügbar.
  • ETFs und AktienKönnen im falschen Moment deutlich im Wert gefallen sein. Wer im Crash verkaufen muss, realisiert reale Verluste.
  • KryptowährungenExtreme Schwankungen machen sie als Liquiditätspuffer vollständig ungeeignet.
  • Bargeld zu HauseKein Inflationsschutz, nicht versichert, Diebstahlrisiko.

Tipp: Nutze für den Notgroschen einen anderen Anbieter als dein Hauptkonto. Der psychologische Abstand hilft, die Reserve wirklich unangetastet zu lassen. Viele Direktbanken und Neobanken bieten kostenlose Tagesgeldkonten ohne Mindesteinlage.

FAQ

Häufige Fragen

Wie viel Notgroschen brauche ich wirklich?
Das hängt von deiner persönlichen Situation ab. Die oft zitierte Faustregel von drei bis sechs Nettomonatsgehältern ist ein guter Startpunkt, aber nicht universell richtig. Wer Single ist, eine unbefristete Stelle hat, ein familiäres Sicherheitsnetz besitzt und bereits ein ETF-Portfolio aufgebaut hat, kommt oft mit einem bis zwei Monatsgehältern aus. Wer selbstständig ist, Kinder hat oder hohe Fixkosten trägt, sollte dagegen eher sechs bis acht Monate einplanen. Benutze den Check weiter oben für deine persönliche Einschätzung.
Zählt mein ETF-Portfolio als Notgroschen?
Nur bedingt. Ein ETF-Portfolio kann im Notfall liquidiert werden, aber Aktien-ETFs können kurzfristig stark im Wert fallen. Wer gezwungen ist, im schlechtesten Moment zu verkaufen, realisiert Verluste. Deshalb sollte der eigentliche Notgroschen immer auf einem Tagesgeldkonto liegen. Ein großes Portfolio kann aber den nötigen Puffer reduzieren, weil es als psychologisches Sicherheitsnetz wirkt und im Notfall theoretisch verfügbar ist.
Wo lege ich meinen Notgroschen am besten an?
Der Notgroschen gehört auf ein Tagesgeldkonto mit täglicher Verfügbarkeit. Kein Festgeld, keine ETFs, keine Kryptowährungen. Das Konto sollte möglichst getrennt vom Girokonto geführt werden, damit du nicht versehentlich davon zehrst. Aktuelle Tagesgeld-Konditionen liegen bei zwei bis drei Prozent, was den Kaufkraftverlust zumindest teilweise ausgleicht.
Kann ich meinen Dispo als Notgroschen nutzen?
Der Dispo ist kein Ersatz für einen Notgroschen, kann aber als Überbrückung für wenige Tage dienen, bis du auf dein Tagesgeld zugreifst. Dispo-Zinsen liegen oft bei acht bis zwölf Prozent, was ihn als Dauerlösung vollständig ungeeignet macht. Ein vorhandener Kreditrahmen kann dennoch dazu beitragen, den nötigen Mindestpuffer etwas zu reduzieren, weil er eine zusätzliche Liquiditätsschicht darstellt.
Wann sollte ich meinen Notgroschen aufstocken?
Überprüfe deinen Notgroschen bei jeder größeren Veränderung deiner Lebensumstände: Jobwechsel, Selbstständigkeit, Geburt eines Kindes, Hauskauf oder ein deutlicher Anstieg deiner monatlichen Fixkosten. Auch nach einer tatsächlichen Nutzung der Reserve solltest du den Notgroschen möglichst schnell wieder auffüllen, bevor du erneut mit dem Investieren fortfährst.
Florian Baumann, Gründer finanzfacts.de
Über den Autor
Florian Baumann

Florian hat Wirtschaftsinformatik in Würzburg studiert und bringt über 15 Jahre Erfahrung im Online-Marketing mit. Seit mehreren Jahren investiert er privat in ETFs, Aktien, Krypto und Immobilien. Mit finanzfacts.de möchte er Menschen den einfachsten Weg vom Finanzeinsteiger zum informierten Investor zeigen.

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Alle Angaben ohne Gewähr. Dieser Artikel stellt keine Anlageberatung dar. Vergangene Renditen sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Ergebnisse.